| 01.10.2006 |
Rede von Joachim Wolbergs, Fraktionsvorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion anlässlich der Ehrung der 70 jährigen der Siedlervereinigung am Erntedanksonntag, 01.10.2006 Sehr geehrte Jubilare, sehr geehrte Siedlerinnen und Siedler, ich freue mich, heute bei Ihnen in der Siedlung sein zu dürfen.
Das Wort „Siedlung“ hat in Regensburg einen besonderen Klang und eine besondere Bedeutung. Sie alle und im Besonderen auch die Jubilare, die im Jahr 2006 ihren 70sten feiern können haben daran großen Anteil. Der Begriff „Siedlung“ steht bei den Regensburgerinnen und Regensburgern für die Konradsiedlung. Er steht als Synonym · für soziale Zusammengehörigkeit, · für Pflege von Nachbarschaft, · für Gemeinschaft, · für Tradition im positiven Sinne. Dinge, die in anderen Wohngebieten, in der Anonymität von Wohnblocks der 60er und 70er Jahre vielfach wie von einer anderen Welt erscheinen, sind hier gelebte Realität. Gerade in der heutigen Zeit, einer Zeit des demografischen Wandels, ist diese in der Siedlung bis heute gelebte Nachbarschaft ein hoher Wert. Ja, ich glaube sogar, dass diese gelebte Nachbarschaft der einzige Weg ist, um die zukünftigen Herausforderungen der Gesellschaft meistern zu können. „Gemeinnutz vor Eigennutz“ - das Motto, das sich die Siedlervereinigung schon von Anfang an als Leitbild gegeben hat und an dem die Siedlerinnen und Siedler bis heute festhalten, erscheint manchen in der heutigen Ellbogen-Gesellschaft, in der jeder nach dem Staat ruft, antiquiert zu sein. Aber - dem ist nicht so. Vielmehr ist dieses Motto aktueller denn je. In Zeiten, in denen ältere Menschen in ihren Wohnungen zu vereinsamen drohen, in denen Kinder bei Berufstätigkeit der Eltern sich selbst überlassen werden, wird erkennbar, wie wichtig soziale Netze und Solidarität im Wohnumfeld sind. Dies hat auch die Politik erkannt und zum Beispiel mit dem Förderprogramm „Soziale Stadt“ ein Instrument bereitgestellt, mit dem solche Nachbarschaftsnetze entwickelt werden sollen in Bereichen wo es diese bisher nicht gab. Die Humboldtstraße ist ein Beispiel, wo wir gerade dabei sind mit Fördermitteln des Bundes eine, über die bloße bauliche Stadterneuerung hinausgehende Maßnahme umzusetzen, deren Ziel die Schaffung eines neuen Zusammengehörigkeitsgefühls bei den Bewohnerinnen und Bewohnern ist. Was man dort als neue Art des bürgerschaftlichen Zusammenlebens entdeckt hat, ist bei ihnen in der Siedlung seit Jahren gelebte Realität. Die Aufgabe der Politik ist es Solidarität der Bürger untereinander zu wecken und zu fördern. Man muss Rahmenbedingungen schaffen, mit denen Ehrenamtliche in Kirchen, Vereinen und Verbänden wirkungsvoll tätig werden können. Dass die Bereitschaft, sich für die Gesellschaft einzusetzen vorhanden ist, zeigen vielfältige Initiativen und Projekte vom Einzelpersonen und Gruppen auch in unserer Stadt. John F. Kennedy, von dem das Zitat stammt „Ich bin ein Berliner“ hat einen, wie ich glaube, für die heutige Zeit viel bedeutenderen Satz gesagt: „Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!“ Er brachte damit zum Ausdruck, · dass jeder einzelne seinen Beitrag leisten kann und leisten soll für ein funktionierendes und prosperierendes Gemeinwesen, · dass man nicht die Hände in den Schoß legen und glauben soll irgendwer werde sich schon um die Dinge kümmern. Nur wer bereit ist aktiv mitzumachen, sich einzumischen, kann auch mitgestalten. Eine aktive Bürgergesellschaft, die sie in der Konradsiedlung in gewisser Weise vorleben, kann sich nicht darauf beschränken auf Angebote des Staates oder der Politik zu warten und diese dann anzunehmen oder abzulehnen. Eine aktive Bürgergesellschaft, wie ich sie für unverzichtbar halte, muss bereits sein konstruktiv und vielleicht auch manchmal visionär zu denken um das Gemeinwesen voranzubringen. Ein Gemeinwesen, das nicht aus den Bürgern da unten, denen man fertige Entscheidungen vorsetzt, und dem Staat oder den Politikern, die sich in Selbstgefälligkeit in Glanze des eigenen Lichts sonnen, bestehen kann, sondern ein Gemeinwesen, in dem die Politik und die Politiker die Bürger sich als gleichberechtigte Partner sehen und in dem aber die Bürger auch bereit sind, die damit verbundene Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. Man muss einräumen, dass es manche Politiker gibt, die dafür noch nicht weit genug sind und sich für etwas besonderes halten, aber auch auf Seiten der Bürger tritt manches Mal das Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl noch hinter dem Vertreten von Einzelinteressen zurück. Wir alle sollten hier die Zeichen der Zeit erkennen und uns immer wieder auch selbst hinterfragen, ob unsere eigenen Ziele und Anschauungen bei einem Blick über den eigenen Tellerrand hinaus immer noch richtig und gegenüber Anderen vertretbar und verantwortbar sind. Diese Fähigkeit zur Selbstreflexion, zum Hinterfragen des eigenen Handelns ist in unserer Gesellschaft vielfach nicht ausreichend vorhanden. Man sollte nicht glauben, man stehe die absolute Weisheit besitzend über den Dingen. Jede und Jeder von uns, vor allem auch von uns Politikern sollte ein Auge dafür offen haben, die wirklich wichtigen und richtigen Dinge zu sehen. Jede und Jeder von uns sollte ein Ohr dafür haben, die schweigende Mehrheit zu hören. Zumal diese meist logischer und rationaler denkt als diejenigen, die sich lautstark in Szene setzen. Ich versuche meine Ideen und Meinungen immer wieder in Gesprächen mit Fachleuten, guten Freunden und Bekannten, aber auch mit Menschen zu hinterfragen, die nicht unbedingt meiner politischen Richtung angehören. Eine Methode, die ich allen nur empfehlen kann. Den diesjährigen 70ern möchte ich zu ihrem runden Geburtstag sehr herzlich gratulieren. Hinter ihnen, liebe Jubilare, liegt ein gutes Stück eines Lebenswegs, der sicherlich nicht immer ohne Überraschungen im Positiven, wie im Negativen verlaufen ist. In ihnen ruht ein großer Schatz an Lebenserfahrung, die für uns „Junge“, für Ihre Kinder und Enkel von großer Bedeutung sein kann. Im sozialen Netzwerk ihrer Familien, aber auch der Siedlung waren und sind sie alle ein wesentlicher Bestandteil. Sie sollten sich auch weiterhin in diesem Netzwerk aktiv einbringen. Als sie im Jahr 1936 geboren wurden, · ging gerade der erste Diesel PKW in Serie, · fanden die Olympischen Spiele in Berlin und Garmisch-Partenkirchen statt. · marschierten Deutsche Truppen ins entmilitarisierte Rheinland ein, und · befahl Adolf Hitler in seiner Denkschrift zum Vierjahresplan, die Armee muss in 4 Jahren „einsatzfähig“ und die Wirtschaft „kriegsfähig“ sein. Sie erblickten das Licht der Welt in Zeiten einer Diktatur, dem NS-Staat, · der sich anschickte die Menschenrechte mit Füssen zu treten, · der sich anschickte Mitbürgerinnen und Mitbürger allein wegen ihres Glaubens zu verfolgen und zu vernichten, · der sich anschickte das Land hochzurüsten, · der sich anschickte unser Land in einen mörderischen Krieg gegen unsere europäischen Nachbarn, gegen Minderheiten und letztlich in den totalen Zusammenbruch zu führen. Diese Zeit prägte die Kindheit ihres Geburtsjahrgangs 1936. Bei Kriegsausbruch hatten sie das Kindergartenalter erreicht und bei Kriegsende standen sie meist kurz vor dem Ende der vierten Schulklasse. Die, eigentlich schönsten Kinderjahre fielen bei ihnen in die Kriegsjahre. Ihre Jugend war, nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes, eine Jugend in den Anfangs- und Aufbaujahren der Bundesrepublik Deutschland in Frieden und Freiheit. Für die, von jeder und jedem Einzelnen von ihnen, in diesen Jahren erbrachten Aufbauleistung für unser Land möchte ich ihnen gerade als Vertreter meiner Generation aufs herzlichste danken. Ohne ihre Aufbauleistung wäre vieles, was uns heute selbstverständlich ist, nicht denkbar. Dies gilt es zum Beispiel bei allen Diskussionen um die Generationengerechtigkeit der sozialen Sicherungssysteme immer im Auge zu behalten. Die Generation der heute 70 jährigen hat die Grundsteine gelegt auf denen das Deutschland und das geeinte Europa des Jahres 2006 beruhen. Aus der Erfahrung ihrer Kindheit und Jugend heraus ist die Überzeugung in unserem Land gewachsen und durch Ihre Generation uns jüngeren vermittelt worden, · dass es nie wieder Krieg geben darf, · dass der Schutz von Minderheiten ein hohes Gut ist und · dass nie wieder ein totalitäres Regime die Oberhand gewinnen darf. Und damit kommen ich wieder zum Ausgangspunkt meiner Rede - mit der ich sie hoffentlich nicht zu sehr gelangweilt habe – zurück, zum sozialen Zusammenhalt, zur Pflege guter Nachbarschaft und gelebten positiven Traditionen in der Siedlung. Gerade diese in der Konradsiedlung beispielhaft gepflegten Tugenden sind nach meiner Überzeugung Garanten dafür, dass unser Land auch in Zukunft in Frieden und Freiheit für Alle, gleich welcher Religion, Nationalität oder Weltanschauung ein lebenswertes Land sein wird. Diese Tugenden sind Garanten dafür, dass politische Wirrköpfe und Agitatoren aus der äußersten rechten Ecke keine dauerhafte Chance haben in unserer Gesellschaft. Ein Zurück zu der politischen Ideologie, die Ihre Kindertage beherrschte darf und wird es nicht geben. Der Siedlervereinigung unter der bewährten Führung von Josef Möß wünsche ich die Kraft, weiterhin die über Jahrzehnte gelebten Werte und Normen für ein gemeinschaftliches Zusammenstehen bewahren und der Jugend vermitteln zu können. Den Jubilarinnen und Jubilaren wünsche ich zum 70-sten alles Gute und einen erfüllten Lebensabend, den sie sich vor dem Hintergrund ihrer Lebensleistung mehr als verdient haben. |